Beobachtungen eines Vaters – Der Elternverein

Teil 1: Wie alles begann – Fragen, die niemand hören wollte

Nach dem 10. Juni 2025 war in unserer Schule nichts mehr so wie zuvor.
Zwei Mädchen aus der Klasse meiner Tochter waren tot, ihr Klassenvorstand lag im Spital.
In dieser Stille, die nach einem Amoklauf bleibt, versuchten viele von uns, wieder Halt zu finden.
Ich suchte ihn, indem ich Fragen stellte.

Nicht an einzelne Menschen, sondern an die Strukturen, die uns umgeben – an die Schule, an das Bildungssystem, und schließlich an den Elternverein, der ja offiziell die Stimme der Eltern sein sollte.
Ich wollte verstehen, wie Kommunikation, Verantwortung und Transparenz in einer Krise funktionieren.
Was ich erlebte, war das Gegenteil: eine Mauer aus Schweigen, Unsicherheit und jurischer Abwehr.


1. Mein erster Brief – 21. Juli 2025

Ich schrieb an die Adresse ev@borg-graz.at – die offizielle E-Mail des Elternvereins, die auf der Schulwebsite angegeben ist.
Mein Betreff lautete:

„Offene Analyse zur Kommunikationspraxis des Elternvereins am BORG Dreierschützengasse nach dem 10. Juni 2025“

Ich begann mit den Worten:

„Der Amoklauf vom 10. Juni 2025 hat tiefe Spuren in unserer Schulgemeinschaft hinterlassen.
In dieser außergewöhnlichen Situation erwarten viele Eltern nicht nur Anteilnahme und Begleitung – sondern auch klare, verlässliche und inklusive Kommunikation.“

Dann legte ich offen, was mir und vielen anderen Eltern aufgefallen war:

  • Der Elternverein kommunizierte fast ausschließlich über einen Signal-Kanal mit 143 Eltern, während rund 1 000 Eltern existieren.

  • Offizielle Informationen liefen über die Schul-E-Mail-Adresse, nicht über den Verein.

  • Datenschutz und Zuständigkeiten waren unklar.

  • Die meisten Eltern wussten gar nicht, wie sie den Verein erreichen sollten.

Ich schrieb:

„Über 85 % der Eltern werden für viele wichtige Informationen aktiv nicht erreicht.
Und trotzdem wird nach außen häufig der Eindruck vermittelt, der Elternverein spreche im Namen aller Eltern.“

Es war keine Anklage.
Ich schloss mit den Worten:

„Wir können nicht von Demokratie und Augenhöhe sprechen, wenn nicht gesichert ist, dass alle Eltern gleichberechtigt informiert werden.
In der jetzigen Situation braucht es nicht mehr Kontrolle, sondern mehr Vertrauen – und Vertrauen beginnt mit Transparenz.“

📎 Download: Offene Analyse an den Elternverein (21. 07. 2025)


2. Die Reaktion – oder das Ausbleiben einer Reaktion

Zwei Tage später schrieb ich erneut, diesmal mit einem konstruktiven Vorschlag zur Verwaltung der Spendengelder, die die Stadt Graz an den Elternverein überwiesen hatte.
Ich bot juristische und organisatorische Hilfe an.
Meine Worte waren sachlich:

„Ich kann mir vorstellen, dass das eine herausfordernde Situation für euch ist.
Falls ihr wollt, helfe ich gerne bei Formulierungen oder Recherchen. Ich bin sicher, ihr findet den besten Weg, um den Familien zu helfen.“

📎 Download: Vorschlag zur Spendengeld-Abwicklung (22. 07. 2025)

Die Antwort kam am 22. Juli abends von Vorstandsmitglied Mirza Candic:

„Wir haben vor, all deine Fragen in unserem Elterntreffen am 24. 07. 25 18 h vor Ort beantworten.“

Ich war erleichtert – dachte, endlich würde ein echtes Gespräch beginnen.
Doch am 24. Juli war niemand vom Vorstand anwesend.
Keine Erklärung. Kein Rückruf. Kein Protokoll.

3. Der Versuch, rechtliche Klarheit zu schaffen

Weil meine Fragen zu Datenschutz, Vereinsstruktur und Spendenverwendung unbeantwortet blieben, fasste ich meine Erkenntnisse juristisch zusammen.
Am 25. Juli 2025 schrieb ich:

„Die geltenden Statuten, auf die sich rechtlich derzeit gestützt werden muss, sind jene in der Fassung vom 24. April 2008.
Diese definieren den Vereinszweck ausschließlich im schulischen Kontext.
Eine mildtätige Tätigkeit ist nicht vorgesehen.
Daher ist der Elternverein nicht berechtigt, direkte finanzielle Unterstützungen an Hinterbliebene oder überlebende Opfer auszuzahlen.“

Ich empfahl eine Übergabe der Spendengelder an eine mildtätige Organisation wie Steirer helfen Steirern, um rechtliche Risiken zu vermeiden.

Das war kein Angriff, sondern eine Schutzmaßnahme – auch für die Vorstandsmitglieder selbst.
Ich schrieb ausdrücklich:

„Diese Schritte dienen dem Schutz aller Beteiligten – insbesondere auch des ehrenamtlich tätigen Vorstands.“

📎 Download: Klärung zur Auszahlung der Spendengelder (25. 07. 2025)

Am selben Tag informierte ich das Bildungsministerium über meine Einschätzung – nicht als Beschwerde, sondern als Beispiel, wie unklare Strukturen an Schulen zu rechtlichen und ethischen Konflikten führen können.


4. Die Antwort des Elternvereins

Am 28. Juli 2025 erhielt ich schließlich eine lange Mail von Helga Chibidziura, Vorstandsmitglied des Elternvereins.
Sie bestätigte darin fast alle meine Bedenken – ohne es zu merken.

„Eine formelle Datenschutzrichtlinie besteht derzeit nicht.
Die Weiterleitung der Vereinsmails erfolgt an die privaten, gesicherten E-Mail-Konten der Vorstandsmitglieder.
Der Mailverkehr bleibt in den privaten Postfächern der jeweiligen Vorstandsmitglieder erhalten, wird jedoch nicht systematisch archiviert.“

Und weiter:

„Wir sehen keine Veranlassung, E-Mail-Adressen aller Eltern zu sammeln. Es gibt einen Signal-Chat, wo sich Eltern einklinken können, die das wollen.“

Für mich war das ein Schlüsselmoment.
Ich hatte gehofft, man würde meine Hinweise als Chance sehen, etwas zu verbessern.
Stattdessen bestätigte man schriftlich, dass 85 % der Eltern gar nicht erreicht werden – und dass man das auch nicht vorhat.

„Man kann Transparenz nicht verweigern und dann Glaubwürdigkeit erwarten.“

📎 Download: Antwort des Elternvereins auf meine Fragen (28. 07. 2025)


5. Meine Reaktion – und die Eskalation

Am 29. Juli 2025 antwortete ich nochmals – ruhig, aber deutlich.
Ich listete die rechtlichen Risiken auf:
fehlende Datenschutzrichtlinie, fehlerhafte Website, unklare Statutenlage, mögliche Haftung des Vorstands.
Ich schrieb:

„Dies ist keine Kritik an Personen, sondern der Versuch, gemeinsam rechtliche Risiken zu minimieren.
Können wir uns diese Woche zu einem konstruktiven Gespräch treffen?“

Ich bekam keine Antwort.
Also schrieb ich zwei Tage später erneut, diesmal mit offiziellen Verweisen auf das Bildungsministerium:

„Die aktuellen BMBWF-Datenschutzrichtlinien bestätigen, dass Elternvereine externe Institutionen sind.
Ohne eigene Kommunikationskanäle entsteht eine intransparente Vermischung, die keine informierte Einwilligung ermöglicht.“

Auch darauf kam keine Reaktion.

📎 Download: Dringende rechtliche Klärung (29. 07. 2025)


6. Schluss des ersten Kapitels

Bis Anfang August war mir klar:
Ich hatte mit guten Absichten begonnen – und stand jetzt einem System gegenüber, das jeden Versuch, Verantwortung zu übernehmen, als Angriff deutete.

„Ich wollte mithelfen, das Vertrauen wieder aufzubauen. Stattdessen habe ich erfahren, wie sehr Transparenz Angst macht.“


Fortsetzung folgt:
Teil 2 – „Die Rückforderung, der Austritt, der Antrag“
Darin: wie aus einer formalen Bitte ein juristischer Eiertanz wurde – und warum ich mich trotzdem nicht entmutigen ließ.